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Was ist Keuschheit

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Was ist Keuschheit?

Hilfen zur Gewissensbildung im 6. Gebot

P. Martin Ramm FSSP

Thalwil 2009

MIT KIRCHLICHER DRUCKERLAUBNIS

Genaues Zitat siehe in den Quellen.

INHALT

TEIL I.

Thema Nummer eins?
Das Gewissen
Die Zehn Gebote
Das sechste Gebot
Das Mann- und Frausein
Die Leiblichkeit des Menschen
Schamhaftigkeit
Keuschheit
Wahlfreiheit
Versuchung
Keuschheit vor der Ehe
Jungfräulichkeit
Eheliche Keuschheit
Ursprung und Ordnung der Ehe
Die Ehe als Sakrament
Gattenliebe und eheliche Treue

TEIL II.

Empfängnisverhütung
Die demographische Katastrophe
Die ‚Pille’: abtreibende Wirkung
Die ‚Pille’: Auswirkungen auf das Ökosystem
Die ‚Pille’: Auswirkungen auf die Gesundheit
Die ‚Pille’: Auswirkungen auf die Kultur
Die Spirale
Das Kondom
Die Sterilisation
Die Lehre der Kirche
Natürliche Empfängnisregelung
Hilfen zu einem keuschen Leben
Lehramtliche Quellentexte

TEIL I.

THEMA NUMMER EINS?

Zweifellos ist der Gegenstand, dem dieses Büchlein gewidmet sein soll, ein sehr wichtiger. Von vornherein möchten wir uns aber dagegen wehren, hieraus das berühmte ‚Thema Nr. 1’ zu machen. Genauso, wie es falsch wäre, die Fragen der menschlichen Geschlechtlichkeit zu banalisieren, ebenso falsch wäre es, ihnen einen zu hohen Stellenwert zuzuschreiben und persönliche Schwierigkeiten im sechsten Gebot über Gebühr zu dramatisieren.


In den Zehn Geboten, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfangen hat, steht das sechste Gebot nicht umsonst an sechster Stelle. Von einer gewissen inneren Logik her haben nämlich die ersten fünf Gebote einen Vorrang vor dem sechsten. Manche Schwierigkeit in diesem Bereich wird gerade dadurch nur verschärft, dass man sich zu sehr auf die Nr. 6 konzentriert und die wahre Nr. 1 zu wenig beachtet.


Im Alten Testament stehen einleitend über den Zehn Geboten die Worte: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Lande Ägypten, dem Haus der Knechtschaft, geführt hat.” (Ex 20,2) Diese Einleitung ist bedeutungsvoll, denn wie einst Gott durch Moses das Volk Israel aus der Knechtschaft des Pharao befreit hat, so geht es auch hier um eine wahre Befreiung.


Der Feldzug gegen die göttliche Ordnung wird gewöhnlich unter der Fahne des Liberalismus geführt. Dabei fällt auf, dass ‚Freiheit’ häufig gleichgesetzt wird mit ‚Zügellosigkeit’. Dagegen behaupten wir, dass die Sünde den Menschen niemals frei macht, sondern ihn in erniedrigende Abhängigkeit führt [vgl. Joh 8,34]. Wenn das Glück des Menschen wirklich darin bestünde, in ungehemmtem Ausleben seiner Triebe zu tun und zu lassen, was er will, dann sollte man meinen, die glücklichsten Menschen der Welt in Hamburg auf der Reeperbahn oder in Zürich auf der Langstrasse finden zu können. Doch gerade dort wird man sie vermutlich vergeblich suchen.


Ein Leben nach den Geboten Gottes engt niemals ein und nimmt nicht die Freiheit, sondern sichert sie, denn „wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit” (2 Kor 3,17). Wer sich auf Gott einlässt und seine heilige Ordnung als Maßstab für sein Leben anerkennt, der verliert nicht, sondern gewinnt. So sagt der hl. Apostel Jakobus: „Wer sich in das vollkommene Gesetz der Freiheit versenkt und darin verharrt, nicht als vergesslicher Hörer, sondern als Vollbringer im Werk, der wird selig sein in seinem Tun.” (Jak 1,25)

DAS GEWISSEN

Um nach der Ordnung Gottes zu leben, muss man sie kennen. Weil aber Gott will, „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen” (1 Tim 2,4), hat er sie mit Vernunft begabt, damit sie ihn und seine Ordnung mit Sicherheit wahrnehmen und sie zum Maßstab für ihr Handeln machen können. So hat er sein Gesetz gleichsam eingeschrieben in ihre Herzen, „wovon ihr Gewissen Zeugnis gibt” (Röm 2,15). Ganz ähnlich, wie die Schwalbe ein Gesetz in sich hat, welches sie lehrt, ihr Nest zu bauen, und wie die Biene von Natur aus die Wabe zu formen weiß, ist das Gewissen untrennbar verbunden mit der menschlichen Natur. Es ist Teilhabe am ewigen göttlichen Gesetz, was sehr schön ausgedrückt wird im lateinischen Wort für ‚Gewissen’, denn conscientia bedeutet wörtlich ‚Mit-Wissen’.


Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass das im Gewissen wahrgenommene natürliche Sittengesetz dem Menschen nicht von außen auferlegt wird, sondern zutiefst seiner Natur entspricht.


Aufgabe des Gewissens ist es, dem Menschen eine sichere und klare Auskunft über die sittliche Qualität seines Handelns zu geben und ihm zu helfen, sich seiner Bestimmung entsprechend bewusst und frei auf sein ewiges Ziel hin auszurichten. So sagt der ‚Katechismus der Katholischen Kirche’ [= KKK]: „Das Gewissen ist ein Urteil der Vernunft, in welchem der Mensch erkennt, ob eine konkrete Handlung, die er beabsichtigt, gerade ausführt oder schon getan hat, sittlich gut oder schlecht ist.” (KKK 1778)


In seiner Bezogenheit auf das ewige göttliche Gesetz gleicht das Gewissen einem Kompass. Aufgrund einer physikalischen Einwirkung zeigt ein funktionstüchtiger Kompass stets in Richtung Norden. Dabei ist der Kompass auf den Nordpol angewiesen und nicht der Nordpol auf den Kompass. Jedenfalls wird niemand ernsthaft behaupten, der Kompass sei ‚autonom’ [von ‚auto-nomos’ = ‚sich-selbst-Gesetz’], denn er selber ist nicht die Norm, sondern das Instrument, auf das der Seemann sich verlassen muss, um sicher den Hafen zu finden. Ebenso unsinnig und unbrauchbar wie ein vom Nordpol ‚emanzipierter’ Kompass wäre ein von Gott emanzipiertes ‚autonomes’ Gewissen, denn das Gewissen erhält seine Verbindlichkeit gerade aus der Annahme, dass es mit dem ewigen göttlichen Gesetz übereinstimmt. So ist es leicht zu verstehen, warum das Gewissen nicht als ‚objektive und höchste’, sondern nur als ‚subjektive und nächste’ Norm der Moralität bezeichnet werden kann.


Die Lehre vom ‚autonomen Gewissen’ gehört zu den folgenschwersten Irrtümern unserer Zeit. Sie wird von Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika ‚Veritatis splendor’ vom 6. Juni 1993 über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre klar und deutlich zurückgewiesen.


Geprägt von dieser falschen Lehre ist nicht zuletzt die tragische ‚Königsteiner Erklärung’ vom 30. August 1968, in welcher die damaligen deutschen Bischöfe die in der Enzyklika ‚Humanæ vitæ’ vom 25. Juli 1968 von Papst Paul VI. verbindlich vorgelegte Lehre über die rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens relativierten, weil sie fürchteten, „die Bereitschaft zur kirchlichen Mitverantwortung und die Bildung eines selbständigen Gewissens” (ebd. Nr. 16) könnten Schaden leiden. Ganz ähnlich haben sich zur gleichen Zeit die österreichischen Bischöfe in ihrer ‚Mariatroster Erklärung’ geäußert. Es bleibt zu hoffen, dass diese traurigen Manifeste bischöflicher Kapitulation vor dem Zeitgeist eines Tages formell widerrufen werden.


In einer Ansprache an die Teilnehmer eines internationalen Kongresses für Moraltheologie im November 1988 sagte in diesem Zusammenhang Papst Johannes Paul II.: „Während dieser Jahre wurde im Anschluss an die Bekämpfung von ‚Humanæ vitæ’ auch die christliche Lehre vom moralischen Gewissen in Frage gestellt und der Gedanke eines Gewissens angenommen, das sich selbst die sittliche Norm schafft. Auf diese Weise wurde das Band des Gehorsams gegen den heiligen Willen des Schöpfers radikal zerschnitten, in dem gerade die Würde des Menschen besteht.” (‚Osservatore Romano’, 13.11.1988)


Wenn hier auch nicht alle Fragen im Kontext der Lehre vom Gewissen behandelt werden können, so bleibt doch ein Wort zur Gewissensbildung zu sagen; denn obwohl jeder Mensch ein Gewissen hat, funktioniert es doch nicht bei allen gleich gut. Wo man nämlich gewohnheitsmäßig gegen das Gewissen handelt, wird seine Stimme immer leiser wahrgenommen. Das Gewissen kann abgestumpft werden und gleichsam ‚einrosten’. Es ist ähnlich wie bei manchen Höhlentieren, deren Augen verkümmern, weil sie niemals benutzt werden.


Damit das Gewissen gut funktioniert, muss man es bilden, denn nur ein gut gebildetes Gewissen urteilt richtig und wahr [vgl. KKK 1783].


Eine zuverlässige Hilfe zur Gewissensbildung finden wir im Lehr- und Hirtenamt der Kirche; denn Jesus Christus hat seine Kirche nicht nur mit Lehrautorität ausgestattet, sondern ihr auch den sicheren Beistand des Heiligen Geistes verheißen, der ihr in Glaubens- und Sittenfragen das Charisma der Unfehlbarkeit verleiht. Dieses Charisma besitzt sie sowohl in ihrer gewöhnlichen Lehrverkündigung als auch bei feierlichen Verlautbarungen des Papstes oder eines allgemeinen Konzils. Wenn also die Kirche eine Lehre in Glaubens- und Sittenfragen unter Berufung auf diesen Beistand und kraft ihrer Autorität als verbindlich und sicher vorlegt, dürfen wir die volle Gewissheit haben, dass sie unfehlbar wahr ist.


Dabei kann die Lehre der Kirche, die das göttliche Gesetz erklärt, auch niemals in wirklichem Widerspruch zur menschlichen Vernunft stehen, denn: „Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.” (Benedikt XVI., ‚Regensburger Rede’ vom 12. September 2006) Wer immer sich die Mühe macht, die Lehre der Kirche wirklich verstehen zu wollen und tiefer in sie einzudringen, wird sie in jedem einzelnen Punkt völlig vernünftig begründet finden. So schrieb Papst Paul VI. in seiner Enzyklika ‚Humanæ vitæ’ [= HV]: „Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.” (HV 12) Im Kontrast dazu gilt das Sprichwort, dass niemand so blind ist wie der, der nicht sehen will.


Es ist traurig, wenn selbst kirchliche Vertreter, deren Pflicht es eigentlich wäre, die Lehre der Kirche eingehend zu studieren und sie den Menschen zu erklären, dazu weder willens noch fähig sind.


Die folgenden Ausführungen stehen treu zur Lehre der katholischen Kirche. Sie möchten helfen, das Gewissen zu bilden, damit die Wahrheit angenommen und das Leben entsprechend ausgerichtet werden kann; denn nur so sind Glück und wahre Freiheit zu finden.

DIE ZEHN GEBOTE

Betrachten wir also zunächst die Zehn Gebote im Überblick, um zu sehen, mit welcher Logik sich das sechste Gebot gerade an dieser Stelle einfügt.


Üblicherweise werden die Zehn Gebote auf zwei Tafeln dargestellt, wobei die ersten drei Gebote auf der ersten und die übrigen Gebote auf der zweiten Tafel stehen. Durch diese Aufteilung entsteht ein klarer Bezug zum Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.” (Lk 10,27)
Die Gebote der ersten Tafel gebieten, den Herrn als alleinigen Gott anzuerkennen, seinen Namen zu ehren und den Tag des Herrn zu heiligen. In der liebenden Ehrfurcht vor Gott wurzelt jede andere Ehrfurcht, so dass sich von hier aus die übrigen Gebote erschließen. Nur wer mit Gott im Reinen ist, kann auch mit sich selbst und mit dem Nächsten im Reinen sein; denn Gott ist unser aller Ursprung, und er ist unser Ziel. Er kann und will die tiefsten Sehnsüchte des Menschenherzens stillen, indem er uns Anteil gibt an seiner eigenen Herrlichkeit. In Jesus Christus ist er selbst uns Weg und Wahrheit und Leben [vgl. Joh 14,6].


Auf der zweiten Tafel steht das vierte Gebot in einer inneren Beziehung zum ersten. Wir verdanken nämlich unser Dasein sowohl Gott als auch unseren Eltern. Die elterliche Autorität ist Teilnahme an der Autorität Gottes, den sie vor ihren Kindern vertreten [vgl. KKK 2214]. Gott und den Eltern schulden wir Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam, wobei die Gehorsamspflicht sich selbstverständlich mit dem Wachsen und Reifen der Kinder wandelt.


Nach der Ehrfurcht vor denen, die uns das Leben gegeben haben, fordert das fünfte Gebot Ehrfurcht vor dem Leben selbst, und zwar sowohl vor dem eigenen als auch vor dem des Nächsten.


Genau an dieser Stelle fügt sich organisch das sechste Gebot ein, welches Ehrfurcht gebietet vor dem Leib, bevor es dann im siebten Gebot um das rechte Verhältnis zu den materiellen Gütern geht und im achten Gebot geistige Güter geschützt werden, nämlich die Ehre und der gute Ruf.


Das neunte und zehnte Gebot stehen in Beziehung zum sechsten und siebten Gebot. Sie können als Vertiefung verstanden werden, da sie sich nicht so sehr auf das Tun als vielmehr auf die innere Gesinnung und auf das Wollen beziehen.

DAS SECHSTE GEBOT

Es ist die Eigenart der Zehn Gebote Gottes zu beachten, dass sie jeweils mehr meinen, als im konkreten Wort auf den Punkt gebracht wird. So ist beispielsweise im fünften Gebot weit mehr gemeint, als nur den Nächsten nicht zu töten, was Jesus selbst bestätigt, indem er sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt wurde zu den Alten: ‚Du sollst nicht töten’. ... Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt ...” (Mt 5,21 f.)


Nach der wörtlichen Bedeutung wird im sechsten Gebot in erster Linie das Heiligtum der Ehe geschützt: „Du sollst nicht ehebrechen!” (Ex 20,14) Dabei ist der eigentliche Ehebruch zu verstehen wie die Spitze eines Eisberges. Gemeint ist aber nicht nur die Spitze. Vielmehr hat die Überlieferung der Kirche „das sechste Gebot als auf die gesamte menschliche Geschlechtlichkeit bezogen verstanden” (KKK 2336), weshalb die katechetische Tradition das Gebot auch formuliert: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben.” Was also das sechste Gebot schützen will, betrifft Wesentliches im Menschen.

DAS MANN- UND FRAUSEIN

Es gibt grundlegende Gegebenheiten, die wir einfach vorfinden und nicht ändern können. Dazu gehören nicht nur die Zeit sowie die kulturellen, sozialen und familiären Umstände unserer Geburt, sondern dazu gehören auch wir selbst. Wir finden uns vor als Mann oder als Frau. Schon gleich zu Beginn der Heiligen Schrift lesen wir, wie Gott den Menschen nach seinem Abbild schuf: „Nach Gottes Bild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie.” (Gen 1,27)


Moderne Gender-Ideologen möchten uns gerne weismachen, dass die geschlechtliche Identität des Menschen frei wählbar sei und dass wir uns von gesellschaftlichen Zwängen und Prägungen gründlich befreien müssten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Das Mann- und Frausein gehört wesentlich zum Menschen. Es prägt uns zutiefst und berührt alle Aspekte unseres Menschseins. Es ist für jeden Menschen von allergrößter Bedeutung, seine geschlechtliche Identität anzuerkennen und anzunehmen [KKK 2333], und nichts ist dem Glück des Menschen so sehr zuwider wie die Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht.


Es war gerade die emanzipatorische Bewegung der 68er, die Glück versprach und Unglück brachte, indem sie vor allem die Frauen zur Revolte aufrief, ihnen Minderwertigkeitskomplexe einredete und vielfach eine tiefe Unzufriedenheit zurückließ. Wer nicht gar zu blind ist, kann leicht die faulen Früchte einer von völlig falschen Grundsätzen geleiteten Erziehungs-, Bildungs- und Familienpolitik erkennen.


Mann und Frau sind gleichwertig, aber doch in ihrem Wesen ganz verschieden. Sie sind füreinander geschaffen, um nach dem Willen Gottes in ihrer leib-seelischen Ganzheit einander zu ergänzen. Jeder Mann hat eine väterliche Anlage. Er verwirklicht sich und gelangt zur Reife auf väterliche Weise. Ebenso hat jede Frau eine mütterliche Anlage. Die wahre Schönheit der Frau ist nicht so sehr von äußeren Faktoren bestimmt, sondern liegt vielmehr in der inneren Schönheit ihres mütterlichen Wesens.


Dies gilt übrigens nicht nur für solche, die heiraten und eine Familie gründen. Gerade auch der geistliche Stand erhebt den Menschen zu einer ganz eigenen Art von Vaterschaft und Mutterschaft. Wie der Priester auf die Freuden einer eigenen Familie verzichtet, um vielen Menschen geistigerweise Vater zu sein, so ist es auch die wesentliche Berufung einer Ordensfrau, geistigerweise Mutter zu sein. Eine alte Regel sagt, niemand könne zum Priestertum zugelassen werden, den man sich nicht auch als Vater einer Familie vorstellen kann.


Auch Menschen, die nicht heiraten können oder die als Eheleute darunter leiden, keine Kinder zu bekommen, sind aufgerufen einen Weg zu suchen, um auf irgendeine Weise ihr Vater- und Muttersein zu verwirklichen.


Wie schön ist eine Gemeinschaft aus wahrhaft väterlichen und mütterlichen Menschen! Der Blick eines väterlichen Mannes wird in der Frau stets die Mutter sehen und es zugleich als ehrlos und gemein empfinden, wenn schamlos ihre äußeren Formen zur Schau gestellt werden. Mädchen und Jungen zu sehen, die man sich nicht als Mütter und Väter vorstellen kann, ist sehr traurig.


Es soll noch erwähnt werden, dass auch die Kleidung Zeichen der Identifikation mit dem eigenen Geschlecht ist. Die Kleidermoden der 68er waren nicht wenig von falschen Ideologien beeinflusst. Zwar ist die heutige Generation zeitlich bereits ein Stück weit von 1968 entfernt, aber die Auswirkungen dieser Revolution sind bis heute zu erkennen, und manchen Trend kann man leichter durchschauen, wenn man seine Wurzeln kennt. Daher ist ’68 eben doch noch aktuell.


Besonders in der Art, wie junge Frauen sich vielfach kleiden, fehlt es oft sehr an Würde und gutem Geschmack, ganz abgesehen davon, dass sie mit hautenger Kleidung und ‚bauchfreier Mode’ ihrer Gesundheit schaden. Durch die Art ihrer Kleidung bringt eine Frau zum Ausdruck, ob sie als Person oder als Reizobjekt angeschaut werden möchte. Sie hat einen großen Einfluss darauf, was sie im Mann anspricht und ob sie in ihm ritterliche Gefühle oder animalische Triebe weckt. Es sind nämlich keineswegs ‚die Männer’, die wollen, dass ‚Frau zeigt, was sie hat’, sondern höchstens eine bestimmte Sorte von Männern. Wenn manche Frau sich fragen würde, welche Art von Männern durch ihre Kleidung angesprochen wird, dann würde sie vielleicht doch einer edlen fraulichen Kleidung den Vorzug geben.

DIE LEIBLICHKEIT DES MENSCHEN

Die geschlechtliche Identität von Mann und Frau kommt in ihrer unterschiedlichen Leiblichkeit zum Ausdruck. Diese Leiblichkeit gehört wesentlich zum Menschen, und nur in seiner leib-seelischen Ganzheit kann man ihn richtig verstehen. Nach dem Willen des Schöpfers soll gerade auch der Aspekt des Geschlechtlichen harmonisch in die Gesamtpersönlichkeit des Menschen integriert sein.


So manche Schwierigkeiten, die auf dem geschlechtlichen Gebiet entstehen, finden ihre Erklärung in der Wahrheit vom Sündenfall. In dem Zustand nämlich, wie Gott den Menschen ursprünglich erdacht und geschaffen hat, war der Mensch „in seinem ganzen Wesen heil und geordnet“ (KKK 377). Durch eine besondere Gabe waren die ersten Menschen in völliger Harmonie mit sich selbst, und ihre höheren Seelenkräfte [Verstand und Wille] herrschten unangefochten über die niederen [Zornkraft und Begehrkraft]. Diese Harmonie ging in Folge des Sündenfalls verloren. Die Begierlichkeit [concupiscentia] hielt Einzug im Menschen und ging von Adam und Eva auf alle ihre Nachkommen über. Die Erfahrung vom Aufbegehren des Niederen in uns machen wir nur zu häufig, denn der Geist ist zwar willig, das Fleisch aber ist schwach [vgl. Mt 26,41].


Gerade weil die geschlechtliche Identität des Menschen und die sakramental geheiligte eheliche Liebesgemeinschaft sehr hohe Güter sind, ist ihre Verderbnis umso schlimmer [corruptio optimi pessima]. So stehen wir vor einer großen Alternative. An uns liegt es, zu wählen: Entweder beherrschen wir unsere Triebe und Leidenschaften, oder unsere Triebe und Leidenschaften beherrschen uns [vgl. KKK 2339].


Unsere Aufgabe ist es, die durch den Sündenfall verursachte Störung in bewusster Ausrichtung nach der göttlichen Ordnung und durch den Gebrauch der von Jesus Christus eingesetzten und durch die Kirche bereitgestellten Gnadenmittel wiedergutzumachen. So werden wir aus der Knechtschaft der Sünde zur wahren Freiheit der Kinder Gottes [vgl. Röm 8,21] gelangen.


Der gottgewollte Gebrauch der Geschlechtskraft wird zur Quelle persönlichen und familiären Glücks sowie zum Segen für die Völker. Ihr Missbrauch aber und die damit verbundene moralische Zersetzung kann sowohl den einzelnen Menschen als auch ganze Völker ruinieren. Wenn nämlich der Mensch aus der sittlichen Ordnung herausfällt, dann fällt er nicht auf die Stufe des Tieres, sondern tiefer; denn die Tiere sind immerhin noch von Instinkten geleitet.


Darum also geht es im sechsten Gebot: Es fordert Ehrfurcht vor dem Leib, und zwar sowohl vor dem eigenen Leib als auch vor dem Leib des Nächsten. Ohne diese Ehrfurcht ist es nicht möglich, die Tugend der Keuschheit zu verstehen.


Fragen wir zunächst, worin diese Forderung begründet ist, und danach, wie sie sich ausdrückt.


1. Die erste Begründung liegt im Ursprung und in der Natur des Menschen. Wir sind von Gott geschaffen als eine Einheit aus Leib und Seele. Der Leib ist mehr als bloß eine biologische Maschine, und er ist nicht austauschbar, sondern wesentlicher Bestandteil unserer selbst. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, weil er beide Welten in sich vereint; denn seinem Leib nach gehört er zur sichtbaren, seiner Seele nach zur unsichtbaren Welt. Ebenso falsch wie eine einseitig materialistische Auffassung vom Menschen wäre auch eine einseitig die Geistigkeit hervorhebende leibfeindliche Betrachtungsweise. Beide würden dem Wesen des Menschen nicht gerecht.


2. Die Ehrfurcht vor dem Leib ist zweitens begründet in der Bestimmung des Menschen. Nicht nur die Seele ist nämlich zur ewigen Glückseligkeit berufen, sondern der ganze Mensch. Im Tod trennen sich Leib und Seele nur vorübergehend. Dann müssen wir alle „erscheinen vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder das erhalte, wofür er in seinem Leib tätig war, sei es Gutes, sei es Böses” (2 Kor 5,10). Bei der Auferstehung am Jüngsten Tag aber wird die Seele wieder mit dem Leib vereint, damit auch er Anteil erhalte am Lohn oder an der Strafe. Von diesem Glauben an die Auferstehung des Fleisches bewegt, bestatten wir die Leiber unserer Verstorbenen ehrfurchtsvoll in geweihter Erde und verehren wir die Reliquien der Heiligen.


3. Eine dritte Begründung finden wir im Geheimnis der Erlösung. Jesus Christus hat einen wahren Leib angenommen, um in seiner Leiblichkeit durch sein Opfer am Kreuz den ganzen Menschen mit Leib und Seele zu erlösen [vgl. Hebr 10,10]. Sein Erlösungswerk setzt er fort in den Sakramenten, die entsprechend der Leiblichkeit des Menschen die Heilsgnade durch äußere Zeichen vermitteln. Besonders deutlich wird dies in der Taufe, wo nicht nur die Seele geheiligt, sondern auch der Leib zum Tempel des Heiligen Geistes gesalbt wird: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt? Ihn habt ihr von Gott, und nicht euch selber gehört ihr. Denn ihr wurdet erkauft um einen Preis. So verherrlicht denn Gott in eurem Leib!” (1 Kor 6,19 f.)

SCHAMHAFTIGKEIT

Die Tugend der Schamhaftigkeit ist vergleichbar mit dem Schutzwall um eine Burg. Sie geht der Tugend der Keuschheit voraus, um sie zu schützen [als custos et præco castitatis].


Das Schamgefühl ist in der Natur des Menschen angelegt. Es bezieht sich nicht nur auf das Gebiet des Geschlechtlichen, sondern dient ganz allgemein dem Schutz der Persönlichkeit. Noch grundlegender und schützenswerter als die Intimsphäre des Leibes ist diejenige der Seele. Jeder Mensch hat ein Recht auf sein Geheimnis. Ein schamloses Sich-zur-Schau-Stellen wird sowohl im leiblichen als auch im seelischen Bereich als krankhafte Persönlichkeitsstörung empfunden. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn solches vor laufenden Kameras in Talkshows geschieht. Wo das Schamgefühl verletzt und in die seelische Intimsphäre gewaltsam eingedrungen wird, entstehen immer Wunden. Solch ein Eindringen in die Intimsphäre wird in vielen gruppendynamischen Prozessen gezielt angewendet, um Menschen manipulierbar zu machen.


Obgleich das Schamgefühl in der Natur des Menschen angelegt ist, muss es doch kultiviert und gefördert werden, um sich gesund entfalten zu können. Sowohl innerhalb der Familien als auch im Kindergarten und in der Schule sollte eine Atmosphäre herrschen, in welcher ohne Ängstlichkeit, aber mit einem natürlichen Sinn für Anstand und Sitte, der Eine die Intimsphäre des Anderen achtet, so dass die Kinder zu freien und starken Persönlichkeiten heranreifen können.


Wer eine Burg verteidigen will, muss besonders auf die schwachen Stellen achten, damit der Feind sie nicht untergräbt. So müssen wir unsere schwachen Stellen kennen und zu unserem eigenen Schutz wissen, wo wir verwundbar sind. Genauso, wie wir für den Leib Genießbares von Ungenießbarem unterscheiden, so muss man auch wissen, was der Seele nützt und was ihr schadet. Die Sinne sind die Tore zur Seele. Es ist notwendig, die Augen beherrschen zu lernen; denn nicht alles, was man anschauen kann, tut uns auch gut. Schamlose Bilder können sich eigenartig tief in die Seele einprägen und später die Phantasie belasten.


Durch den Verlust der ursprünglichen Ordnung und den Einzug der bösen Begierlichkeit im Menschen sind Maßnahmen notwendig geworden, um sich und andere zu schützen. Die Verhüllung des Leibes entspricht sowohl einem gesunden spontanen Empfinden [vgl. Gen 3,8] als auch dem Willen des Schöpfers, der dem Menschen nach dem Sündenfall Kleider gegeben hat [vgl. Gen 3,21]. Die Vertreter eines falschen Naturalismus ignorieren diese Wahrheit vom Sündenfall. Wer sich aufreizend oder ungenügend kleidet, schadet damit nicht nur der eigenen Seele, sondern wird auch schuldig an fremden Sünden; denn wir tragen Verantwortung für die Wirkung unseres Verhaltens und unserer Kleidung auf andere Menschen.


Schamhaft ist, wer aus Ehrfurcht vor dem Leib - mit der nötigen Sensibilität, aber ohne Ängstlichkeit - sich selbst und andere vor jeder leichtfertigen Aufreizung geschlechtlicher Begierden schützt.


Gerade auch im Reden über den Bereich des Geschlechtlichen ist Schamhaftigkeit sehr wichtig. Es ist die vorzügliche Aufgabe der Eltern, mit den Kindern frühzeitig über die Geheimnisse des Lebens zu sprechen. Für Kinder kann es sehr belastend sein und verhängnisvolle Auswirkungen im ganzen späteren Leben haben, wenn sie nicht rechtzeitig das nötige Wissen darüber haben, was in ihrem Körper in der Reifezeit geschieht. Ein sauberes und klares Wissen kann vor sehr vielen Versuchungen schützen. Doch muss man stets große Einfühlsamkeit walten lassen, damit man nicht durch Plumpheit oder unnötige Details die Seelen der Kinder verletzt und eine ungesunde Neugierde provoziert. Sehr gute Hilfen für Eltern bietet der Vortrag von Frau Hagspiel [s. Hinweis auf die CD am Ende der Seite].

KEUSCHHEIT

Die Tugend der Keuschheit betrifft den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit. Ihre Grundlage ist die Anerkennung Gottes und seiner heiligen Ordnung. Die Keuschheit setzt eine grundsätzlich positive Einstellung zur Geschlechtskraft voraus, die es zu beherrschen und gemäß der göttlichen Ordnung zu gebrauchen gilt.


Alle Glieder unseres Leibes können wir entweder gut gebrauchen oder missbrauchen. Mit den Händen beispielsweise oder mit der Zunge kann man sehr viel Gutes tun, aber auch viel Böses, wenn man sie in schlechter Weise gebraucht. Der gute Gebrauch seines Leibes wird dem Menschen zum Segen. Jeder Missbrauch aber ist Sünde und kann uns zum Verderben werden.


Es gibt im Menschen von Natur aus zwei Grundtriebe, die einander sehr gleichen und die beide auf ganz ähnliche Weise ‚funktionieren’. Der Nahrungstrieb dient der Selbsterhaltung, und der Geschlechtstrieb dient der Erhaltung der Art. Beide haben eine gemeinschaftsbildende Funktion und sind mit dem Anreiz einer Lust verbunden. Dabei stehen sie beide unter der Kontrolle der Vernunft, wodurch wir uns vom Tier unterscheiden.


Sicher wird niemand bestreiten, dass eine vernünftige Ernährung für das Wohl des Menschen wichtig ist. Wenn der Mensch im Essen Ordnung bewahrt und sich gesund ernährt, ist es ihm zum Segen. Es besteht aber die Gefahr, dass das ‚Essen’ sich zum ‚Fressen’ pervertiert und dass dadurch gerade das, was eigentlich seiner Erhaltung dienen sollte, dem Menschen zum Verderben wird.


Ganz ähnlich ist es mit der Geschlechtskraft. Wo sie nach der rechten Ordnung gebraucht wird, gereicht sie zum Segen. Jede Art von Unzucht aber vermag nicht nur den einzelnen Menschen, sondern ganze Völker zu verderben. Deshalb schreibt der hl. Apostel Paulus im Brief an die Thessalonicher: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung. Ihr sollt euch enthalten von Unzucht. Ein jeder von euch wisse seinen Leib in Heiligung und Ehrbarkeit zu besitzen, nicht in leidenschaftlicher Gier wie die Heiden, die Gott nicht kennen.” (1 Thess 4,3-5)


Die Keuschheit ist ein Ja zur wahren Liebe. Ihr Symbol ist die reine Quelle oder die weiße Lilie. Sie adelt den Menschen und verleiht ihm Anmut und inneren Glanz: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.” (Mt 5,8)

WAHLFREIHEIT

Wenn wir wissen wollen, was der Mensch ist und wie er sein soll, dann müssen wir Gott, den Schöpfer, fragen. Ihm dürfen wir vertrauen, denn seine Absicht ist niemals eine andere als diejenige, um derentwillen er uns erschaffen hat. „Gott ist die Liebe” (1 Joh 4,8), und um der Liebe willen hat er uns erschaffen. Sein Plan ist ein Heilsplan. Er denkt „Gedanken des Heils und nicht des Unheils” (Jer 29,11).


Den Sternen hat Gott ihre Bahn bestimmt, und sie können nicht anders, als dieser Bahn zu folgen: „Sie leuchten in Freude für den, der sie schuf.” (Bar 3,35)


Der Mensch aber ist frei, denn in die Gemeinschaft der Liebe, zu der Gott uns ruft, kann man nur freiwillig eintreten [vgl. KKK 2002]. Wir besitzen die Wahlfreiheit, dem göttlichen Willen zu gehorchen oder nicht. Dabei sollten wir fest überzeugt sein, dass wir nichts Besseres und nichts Wertvolleres anstreben können, als so zu sein, wie Gott uns gedacht hat. Es braucht ein tiefes Vertrauen, um sich konsequent auf Gott hin auszurichten und so zu sprechen, wie der Herr selbst es uns gelehrt hat: „Dein Wille geschehe!” (Mt 6,10) Die Übung der Tugend der Keuschheit setzt ein vertrauensvolles Horchen auf Gott und auf die Lehre der Kirche voraus.

VERSUCHUNG

Was zu Beginn der Heiligen Schrift im Buch Genesis über die Versuchung gesagt ist, ist sehr aufschlussreich und von bleibender Bedeutung.


1. Die erste Taktik des Versuchers besteht darin, Misstrauen zu wecken, so als wolle Gott uns etwas vorenthalten: „Hat Gott wirklich gesagt: ‚Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen’?” (Gen 3,1) Ganz ähnlich will er noch immer die Menschen glauben machen, dass Gott ihnen nichts gönne und dass man durch ein konsequentes Christsein das Beste im Leben verpasse. Und doch möchte sicher niemand, der das Befreiende des katholischen Lebens einmal selber erfahren hat, jemals wieder mit den ‚Kindern dieser Welt’ tauschen [vgl. Röm 6,21].


2. Zweitens gibt der Versucher gerne dem Bösen den Anschein des Guten: „Da sah die Frau, dass der Baum gut sei zum Essen und eine Lust zum Anschauen und begehrenswert.” (Gen 3,6) Bis heute gaukelt er den Menschen die sinnlichen Freuden viel köstlicher vor, als sie es in Wirklichkeit sind, und „wie der kleine Schmetterling neugierig die Flamme umflattert, um zu sehen, ob sie ebenso angenehm wie schön ist, und in diesem Verlangen nicht ablässt, bis ihn die Flamme versengt hat, so lassen sich auch junge Leute manchmal von einer falschen und dummen Einschätzung der Freuden sinnlicher Lust zu neugierigem Grübeln verleiten, bis sie sich schließlich in die Flamme stürzen und darin zu Grunde gehen” (Franz v. Sales, ‚Philothea’ III,12). In Wirklichkeit gibt es keine ‚schönen Sünden’. Jede Sünde hat ihre eigene Fratze und teilt dem, der sie begeht, etwas von ihrer Hässlichkeit mit. Nur der erste Schluck aus dem Becher der Sünde scheint süß.


3. Die dritte Taktik des Versuchers besteht darin, dass er Freiheit verspricht: „Sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott.” (Gen 3,5) Wer darauf hereinfällt und sich vom Haus des Vaters entfernt, wird vielleicht im ersten Moment tatsächlich meinen, frei zu sein, wie es auch der verlorene Sohn im Gleichnis meinte [vgl. Lk 15,13]. Das böse Erwachen aber ließ nicht lange auf sich warten. Manch bittere Träne der Reue wurde schon von solchen geweint, die sich am Anfang ihres Irrweges für ach so freisinnig und liberal hielten. Gott hat nicht im Sinn, uns der Freiheit zu berauben, sondern uns die wahre Freiheit zu schenken.


Wer den Versucher durchschaut, hat schon halb gewonnen. Vertrauen wir also auf Gott! Wer bewusst und frei nach seiner Ordnung lebt, wird es sicher niemals bereuen.

KEUSCHHEIT VOR DER EHE

Alle Menschen sind zu einem keuschen Leben berufen, aber nicht für alle bedeutet Keuschheit dasselbe. Es gibt verschiedene Arten von Keuschheit, je nachdem, in welchem Lebensstand man sich befindet [vgl. KKK 2348]. Eine andere Gestalt hat die Keuschheit des Verheirateten als diejenige des Unverheirateten, des Gottgeweihten oder des Verwitweten.


Gott hat die Ehe zum allein legitimen Ort der Weitergabe des Lebens bestimmt. Deshalb ist jeder frei gewollte Gebrauch der Geschlechtskraft außerhalb der Ehe objektiv schwere Sünde.


Für den Unverheirateten bedeutet Keuschheit, sich äußerlich und innerlich unberührt und rein [jungfräulich] zu bewahren.


Allgemeine Motive zur Bewahrung der Keuschheit wurden bereits genannt: die Liebe zu Gott, die Achtung vor seiner heiligen Ordnung, die Ehrfurcht vor dem Leib und vor dem Geheimnis des Lebens. Hinzu kommt für den jungen Menschen noch ein besonderes Motiv aus dem Gedanken an den künftigen Ehegatten. Um einen guten Ehegatten zu bekommen, muss man nämlich vor allem darum bemüht sein, so zu leben, dass man einen solchen auch verdient. Dies geschieht durch die konsequente Arbeit an sich selbst. Wer sich von Jugend an ernsthaft sowohl in den natürlichen Fertigkeiten als auch auf sittlich-moralischem Gebiet vervollkommnet, macht sich selber wertvoll und ruft schon jetzt den Segen Gottes auf seine künftige Ehe herab. Wer aber die Arbeit an sich selbst nicht ernst nimmt, betrügt gewissermaßen schon im Voraus den künftigen Gatten.


Wer sich für die Ehe berufen glaubt, tut gut daran, bereits so früh wie möglich täglich für den künftigen Gatten zu beten, damit sich beide durch die Gnade Gottes füreinander rein bewahren.


Im Ringen um die Keuschheit wird man alle Situationen und Handlungen vermeiden, die für die Bewahrung der Reinheit gefährlich werden könnten. Die voreheliche Keuschheit besteht aber nicht nur darin, dass man gewisse Dinge nicht tut. Vielmehr ist ihr positiver Wert darin zu sehen, dass man seine ganze leibliche und seelische Hingabefähigkeit für die spätere Ehe bewahrt.


Der Umgang mit dem eigenen Leib soll in den Dingen, die nötig sind, um ihn gesund und rein zu bewahren, natürlich, unbefangen und zugleich edel sein. Das Spielen aber mit dem Leib zur Weckung geschlechtlicher Lust [Selbstbefriedigung, Masturbation, Onanie] kann die persönliche Reifung und Hingabefähigkeit massiv behindern und wurde seit jeher vom kirchlichen Lehramt als objektiv schwere Sünde gewertet [vgl. KKK 2351]. Freilich trägt nicht jeder, der dies tut, dafür auch die volle Verantwortung. Nur zu leicht entwickelt sich ein regelrechtes Suchtverhalten. Doch mit Hilfe von festen Vorsätzen und dem Gebrauch der Gnadenmittel [Gebet und Empfang der Sakramente] ist es möglich, davon wieder frei zu werden. Viel besser aber ist es, von vornherein den Anfängen zu wehren.


Für den jungen Mann soll ein Mädchen, das er wirklich liebt, wie eine kostbare Perle sein. Seine Liebe bringt er gerade dadurch zum Ausdruck, dass er sie nicht anrührt. So gibt er ihr die beste Gewähr, dass er gelernt hat, seine Leidenschaften zu beherrschen, um einmal in der späteren Ehe treu zu sein.


Wie schön ist es, wenn zwei junge Menschen, die diesen Kampf erfolgreich geführt haben und im gemeinsamen Ringen gereift sind, am Tag ihrer Hochzeit rein vor den Altar treten können, um sich so einander zu schenken. Sehr kostbar wird es sein, wenn später vielleicht einmal ihre Kinder erfahren dürfen, dass sie die Frucht solch einer reinen Ehe sind.


Einen noch stärkeren Grund zur Bewahrung der Keuschheit haben solche, die zum gottgeweihten Stand berufen sind. Auch sie sollen von früher Jugend an an sich selber arbeiten und sich vervollkommnen, um der besonderen Gottesbrautschaft in der Nachfolge Christi würdig zu werden. Der Zölibat bedeutet ja nicht einfach ‚Verzicht auf Liebe’, denn auf das hohe Gut einer Ehe und die Geborgenheit einer menschlichen Familie verzichtet man nur um einer höheren Liebe willen. Durch die Hingabe seiner selbst mit Christus an seine Kirche wird der Zölibat nach den Worten des II. Vatikanischen Konzils zum „Quell geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt“ (Dekret ‚Optatam totius’, 16). Alles, was der junge Mensch im Blick auf dieses Ziel zu seiner eigenen Vervollkommnung tut, wird nicht nur für ihn selber zum Segen, sondern auch für die Kirche und für die Seelen, die ihm einmal anvertraut sein werden.

JUNGFRÄULICHKEIT

Zunächst meint der Begriff ‚Jungfräulichkeit’ einfach die Tatsache der körperlichen Unberührtheit. Er wird sowohl für Frauen als auch für Männer gebraucht. Zur Tugend wird die Jungfräulichkeit, wo sie bewusst und freiwillig geübt wird und wo sie im Inneren mit einer jungfräulichen Gesinnung verbunden ist.


Zu einem jungfräulichen Leben sind alle noch nicht Verheirateten gerufen, um dann einmal, so Gott will, in jungfräulich reiner Liebe zum Traualtar zu treten und sich in voller leib-seelischer Hingabefähigkeit dem Ehegatten [bzw. der Gattin] zu schenken.


Ihre Vollendung erfährt die Tugend der Jungfräulichkeit, wo sie im Stand der Gottesbrautschaft dauerhaft, unwiderruflich und ausdrücklich „um des Himmelreiches willen” (Mt 19,12) gelebt und durch ein Gelübde feierlich besiegelt wird. Ihr tieferer Sinn besteht darin, frei zu sein für Gott, um ganz und ungeteilt mit Leib und Seele IHM zu gehören. So war auch die Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria zutiefst reine Hingabe an Gott.
„Im Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis hat Gott Maria für sich bereitet. In der Jungfräulichkeit bereitet sich Maria für Gott.“ (Otto Hophan, ‚Maria’, Luzern 1951, S. 67)

EHELICHE KEUSCHHEIT

In der Ehe besteht die Keuschheit im gottgewollten Gebrauch der Geschlechtskraft. Dabei ist es wichtig, diesen Bereich von vornherein richtig einzuordnen. Es wäre nämlich sehr verkürzt und deshalb falsch, den leiblichen Aspekt der ehelichen Liebe über Gebühr zu betonen und schon die Vorbereitung auf den Ehestand mehr oder weniger auf das ‚Warten’ zu reduzieren. Christliche Eheleute werden sehr bald merken, dass die leibliche Vereinigung nicht das Eigentliche des Ehelebens ausmacht. Dauerhaft wertvoll und beglückend kann sie nur sein, wenn die körperliche Hingabe als vollmenschlicher Ausdruck geistiger Liebe von gegenseitiger Ehrfurcht getragen ist und wenn beide mit Sensibilität darauf achten, dass sie niemals ins rein Fleischliche abgleitet und zur bloßen Begierlichkeit wird.


Die eheliche Keuschheit schließt selbstverständlich jeden Missbrauch der Geschlechtskraft aus. Sie würde sowohl durch direkten Ehebruch [außerehelichen Verkehr] als auch durch unsittliche und widernatürliche Praktiken innerhalb der Ehe schwer verletzt.


Die eheliche Lebens- und Liebesgemeinschaft ist ein sehr hohes Gut. Weil dieses hohe Gut aber zerbrechlich ist, muss es sorgsam geschützt werden. Eben diese Sorge hat Christus seiner Kirche anvertraut.


Die gesamte katholische Lehre über Ehe und Familie ist in sich schlüssig, vernunftmäßig wohl begründet und für jedermann leicht nachvollziehbar, sofern nur ein Minimum an gutem Willen und Bereitschaft zum Zuhören vorhanden ist.


Zum großen Hemmnis wird es für viele, wenn sich aus der Konfrontation mit der Wahrheit das Gewissen zu regen beginnt. Überall dort, wo man spürt, dass Haltungen und Handlungsweisen zu korrigieren wären, ist der Mensch herausgefordert. Er kann sich entweder einer vielleicht schmerzlichen, aber heilsamen Reinigung unterziehen oder - was bequemer ist - einfach wegschauen und in den Chor derer einstimmen, die behaupten, die Lehre der Kirche sei nicht zeitgemäß, gehe an der Realität vorbei und sei sowieso nicht lebbar.


Wir möchten alle einladen zu einem offenen und wohlwollenden Zuhören. Vielleicht mag es gelingen, diesen Gegenstand so weit zu erhellen, dass das Vertrauen in das Lehramt der Kirche geweckt wird.

URSPRUNG UND ORDNUNG DER EHE

Zunächst muss man wissen, dass die Ehe nicht von Menschen erfunden wurde. Vielmehr hat Gott selbst sie eingesetzt, als er Mann und Frau erschaffen und ihnen Fruchtbarkeit verliehen hat. Er hat sie gesegnet und ihnen aufgetragen, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern [vgl. Gen 1,28]. Zugleich wollte er, dass Mann und Frau ihrer Natur entsprechend einander ergänzen [vgl. Gen 2,18.24] zu ihrem persönlichen Glück, für die Bewältigung ihrer gemeinsamen Lebensaufgabe als Vater und Mutter sowie später im Alter. Und wie Gott der ganzen Schöpfung Naturgesetze gegeben hat, so hat er auch die Ehe durch heilige Gesetze geordnet.


Nachdem diese ursprüngliche Ordnung durch den Sündenfall gestört worden war, wovon im Alten Testament die Vielehe und die Möglichkeit der Ehescheidung zeugen, hat Jesus Christus sie zur ursprünglichen Reinheit ihrer Einsetzung zurückgeführt [vgl. Mt 19,3-9] und sie darüber hinaus erhoben zu einem Sakrament des Neuen Bundes. Dabei ist es bedeutsam, dass Jesus sein erstes Wunder auf einer Hochzeit gewirkt hat [vgl. Joh 2]. Ähnlich wie er damals Wasser in Wein verwandelt hat, so hat er auch die Ehe von ihrer natürlichen Grundlage ausgehend sakramental erhöht.

DIE EHE ALS SAKRAMENT

Die sieben Sakramente sind von Jesus Christus selbst eingesetzte wirkmächtige Zeichen, durch die Gott den Menschen seine Heilsgnade schenkt.


Äußeres Zeichen des Ehesakramentes ist nicht nur das Jawort im Moment der Eheschließung. Vielmehr ist die sakramental begründete Lebensgemeinschaft von Mann und Frau selbst ein bleibendes Zeichen der Gnade. Sie soll ein lebendiges Abbild für das Liebesbündnis Jesu Christi mit seiner Kirche sein, ein „Realsymbol des neuen und ewigen Bundes” (Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben ‚Familiaris consortio’ [= FC] vom 22.11.1981, Nr. 13). In diesem Sinne sagt schon der hl. Apostel Paulus: „Dieses Geheimnis [= sacramentum] ist groß. Ich deute es im Hinblick auf Christus und die Kirche.” (Eph 5,32)


Durch das Sakrament wird nicht nur ein unauflösliches Band zwischen Mann und Frau geknüpft, sondern sie empfangen zugleich ein bleibendes Anrecht auf alle helfenden Gnaden, deren sie bedürfen, um die eheliche Treue unversehrt zu bewahren und die standesgemäße Vollkommenheit zu erlangen. Dadurch werden sie befähigt, „einander zu lieben, wie Christus uns geliebt hat” (FC 13; vgl. Joh 15,12).


So schreibt Papst Pius XI. in der Enzyklika ‚Casti connubii’ [= CC] vom 31. Dezember 1930: „Die Gläubigen öffnen sich von selbst dadurch, dass sie sich aufrichtigen Sinnes das Jawort geben, die Schatzkammer der sakramentalen Gnade, um daraus die übernatürlichen Kräfte zu schöpfen, die sie befähigen, ihre Pflichten und Aufgaben treu, heilig und beharrlich bis zum Tode zu erfüllen. ... [Das Sakrament] erhebt und vervollkommnet die natürlichen Kräfte, so dass die Ehegatten die Aufgaben, Zwecke und Pflichten des Ehestandes ... verstandesmäßig ... erfassen, beharrlich festhalten, ernstlich wollen und im Werk vollbringen können. Das Sakrament verleiht ihnen endlich das Recht auf wirksame Gnadenhilfe, so oft sie deren zur Erfüllung ihrer Standespflichten bedürfen.” (CC 34)


Diese Gnadenzusage gibt den Eheleuten gleichsam eine ‚Garantie der Unsinkbarkeit’. Stürme mag es in jedem Leben und auch in jeder Ehe geben. Solange aber der Herr im Boot ist, wird es selbst im heftigsten Sturm nicht untergehen [vgl. Mt 8,23-26]. Es sind keine Prüfungen denkbar, die man nicht mit Hilfe dieser Gnade bestehen könnte, denn Gott ist getreu: „Er wird euch nicht anfechten lassen über eure Kräfte, sondern bei der Anfechtung auch den Ausgang schaffen, dass ihr bestehen könnt.” (1 Kor 10,13)


Vor allem in Zeiten der Prüfung ist es sehr wichtig, sich daran zu erinnern und nicht den guten Mut zu verlieren. Und gar niemals darf es geschehen, dass man aus dem Boot springt! Sooft die Ehegatten in irgendeiner Weise angefochten werden, mögen sie doch gleich im Herzen ihr Eheversprechen erneuern. So werden sie alsbald die wirksame Hilfe der göttlichen Gnade erfahren.

GATTENLIEBE UND EHELICHE TREUE

In der christlichen Ehe nimmt die Gattenliebe den ersten Rang ein. Selbstverständlich sucht diese Liebe nach Ausdruck in Worten und Gesten. Dazu wird es wertvoll sein, wenn die Gatten auch nach den Flitterwochen die ‚Sprache der Blumen’ nicht verlernen. Wie jede echte Liebe besteht sie aber nicht nur aus Schmeichelworten, sondern sie soll sich „in Tat und Wahrheit” [vgl. 1 Joh 3,18] täglich neu bewähren und alle Bereiche des Ehelebens durchdringen.


Sehr schön schreibt dazu Papst Pius XI.: „Sie muss auch, und zwar in erster Linie, darauf abzielen, dass die Gatten einander behilflich seien, den inneren Menschen immer mehr zu gestalten und zu vollenden. So sollen sie durch ihre Lebensgemeinschaft in den Tugenden immer größere Fortschritte machen [und] vor allem in der wahren Gottes- und Nächstenliebe wachsen.“ (CC 22)


Weil aber der Mensch in seiner geeinten Ganzheit [vgl. FC 11] zur Liebe berufen ist, findet die Liebe der Ehegatten einen ganz spezifischen und vorzüglichen Ausdruck in der körperlichen Vereinigung, durch die auch ihr Leib an der geistigen Liebe teilnimmt und die ihrer Natur nach immer offen sein muss für die Fruchtbarkeit [vgl. FC 13 und KKK 1643].


Selbstverständlich wünscht jedes Brautpaar sich auch in sexueller Hinsicht ein erfülltes Eheleben. Es darf aber nicht vergessen werden, dass es dafür keine Garantie gibt. Wohl wäre es ein Verstoß gegen die eheliche Pflicht, wenn man sich einander ohne hinreichenden Grund verweigert [vgl. 1 Kor 7,5], aber es wird von selbst in jeder Ehe immer wieder Zeiten und Umstände geben, durch die den Eheleuten sexuelle Enthaltsamkeit auferlegt wird. Selbst wenn, was niemand wünschen mag, durch einen Unfall oder durch Krankheit die eheliche Vereinigung dauerhaft unmöglich würde, bliebe der Anspruch der Treue doch ungeschmälert. Ihrer Natur nach fordert die eheliche Liebe Unauflöslichkeit und bedingungslose Treue. Durch ihr Jawort verpflichten sich die Ehegatten einander so endgültig und ohne Vorbehalt, dass auch solche Prüfungen im Vertrauen auf die Hilfe der göttlichen Gnade angenommen werden müssen. Eheleute, die durch solch einen ihnen auferlegten Verzicht schwer geprüft wurden, haben bezeugt, dass dadurch ihre Liebe nicht gemindert, sondern vertieft wurde.

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